#17: Wirecard unter Short-Attacke – was tun?

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Die Börse ist immer wieder für Überraschungen gut. Erst vor kurzem hatte ich beabsichtigt einen Artikel über den Leerverkauf von Aktien zu veröffentlichen. Nun scheint Wirecard zum erneuten Male in das Kreuzfeuer von Short-Sellern geraten zu sein, wodurch der Aktienkurs gegen Ende der letzten Woche erheblich gelitten hat.

Risiko und Chance sind zwei Seiten einer Medaille, wie in allen Lebensbereichen, so auch an der Börse. Der Kurssturz der Wirecard-Aktie könnte sowohl kurzfristig als auch langfristig orientierten Anlegern eine Chance bieten.

In diesem Beitrag möchte ich kurz meine persönliche Meinung zur aktuellen Lage und meine Vorgehensweise veröffentlichen. Dabei möchte ich auf die Anschuldigungen des Autors nicht im Einzelnen eingehen, da diese bereits in einer Vielzahl von Medien ausführlich behandelt wurden.

1. Was ist passiert? 

Innerhalb von drei Tagen erschienen zwei Artikel auf dem Financial Times-Blog „Alphaville“, wonach Wirecard im vergangenen Jahr intern verdächtigen Geschäftspraktiken nachgegangen sei. Dabei bezieht sich der Autor auf eine angebliche interne Präsentation, die in 2018 dem Top-Management vorgelegt worden sei und sich mit zweifelhaften Geldströmen beschäftigt haben soll (ohne jedoch irgendwelches Beweismaterial zu veröffentlichen).

Die Vorwürfe wurden vom Wirecard-Konzern umgehend dementiert. Dennoch sorgten die Artikel für öffentliches Aufsehen und einen erheblichen Kurssturz. Der Aktienkurs stürzte am Tag der Veröffentlichung des ersten Artikels um rund 20% und am Freitag nach Veröffentlichung des zweiten Artikels um rund 30% ab. In der Spitze stürzte der Aktienkurs von EUR 170 auf bis zu knapp EUR 100 ab. Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht den Kurssturz infolge der beiden Artikel:

Kurssturz der Wirecard-Aktie infolge der FT Alphaville Artikel, Quelle: Onvista

 

Wirecard ist auch in der Vergangenheit des Öfteren ins Kreuzfeuer von sogenannten Short-Sellern geraten; im Jahr 2008, 2010, 2014, 2016 und 2018 (entsprechende Links habe ich unten unter „Quellen und Links“ aufgeführt). Letztes Jahr konnte ich eine dieser Short-Attacken als Aktionär hautnah miterleben. Dies schreckte mich damals jedoch nicht ab, meine Position weiter aufzubauen. Bislang konnte keine der Anschuldigungen bewiesen werden. Im Gegenteil, wie die Zeitschrift „Der Aktionär“ in ihrem Artikel aufgreift, ist der Autor der beiden Artikel, Dan McCrum, für Wirecard und die Aktionäre kein Unbekannter.

McCrum hatte auch im Jahr 2016 in seiner Kolumne in FT-Alphaville einen kritischen Bericht von Zatarra Research publiziert. Bei Zatarra handelte sich um ein bis dahin vollkommen unbekanntes Analysehaus, dessen Website heute nicht mehr auffindbar ist. Die Wirecard-Aktie verlor damals als Reaktion auf den Bericht rund ein Viertel ihres Wertes. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft München entschieden, dass es sich bei der Publikation der Studie um Marktmanipulation gehandelt hat. Gegen den Herausgeber von Zatarra Research, Fraser Perring, wurde ein Strafbefehl beantragt. Gleichzeitig konnte im Falle von Zatarra seitens Wirecard kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

Wie bereits bei Zatarra hat die Staatsanwaltschaft München auch im vorliegenden Fall Ermittlungen wegen des Verdachts der Marktmanipulation aufgenommen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) untersucht den Fall ebenfalls. Gegen Wirecard wird nicht ermittelt.

Des Weiteren fällt auf, dass der Autor Dan McCrum in regelmäßigen Abständen Wirecard-feindliche Artikel veröffentlicht und sogar eine Artikelreihe namens „House of Wirecard“ besitzt (siehe folgende Abbildung):

Artikelserie „House of Wirecard“ von Dan McCrum, Quelle: Financial Times Alphaville

(Die Frage ist, woher die Feindseligkeit des Autors gegenüber Wirecard herrührt und ob diese dem Wohle der Anleger oder dem persönlichen Interesse dient.)

Ferner schreibt der Autor von verdächtigen Geldströmen zwischen Wirecard und dem Unternehmen Flexi Flex spricht. Jedoch hebt Wirecard in der Stellungnahme hervor, dass keinerlei Geschäftsbeziehungen zwischen Wirecard und dem besagten Unternehmen existieren und je existiert hätten. Dies wiederum schwächt die Anschuldigungen des Autors ab (siehe folgende Abbildung):

Wirecard Statement zum Artikel der Financial Times; Quelle: Wirecard

 

2. Was ist meine persönliche Meinung?

Wirecard ist meiner Meinung in Bezug auf das Wachstum, der Positionierung im Wachstumsmarkt „Digital Payments“, den Zukunftsaussichten, der Bewertung, der Ertragsentwicklung, der Dividendenpolitik sowie der Bilanzqualität eines der besten Wachstumsunternehmen, das aktuell auf dem Markt zu einem angemessenen Preis zu haben ist (natürlich unter der Annahme, dass die Anschuldigungen nicht der Wahrheit entsprechen).

Am Morgen vor der Veröffentlichung des ersten FT-Artikels hatte das Unternehmen noch (vorläufige) Zahlen zum vierten Quartal 2018 sowie das Jahresergebnis für 2018 gemeldet. Demzufolge erhöhte sich der Umsatz im vierten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahresquartal um beeindruckende 36% von EUR 469 Mio. auf EUR 638 Mio. Der vorläufige operative Gewinn (EBITDA) erhöhte sich um rund 37% auf EUR 172,9 Mio. EUR (Q4/2017: EUR 126,1 Mio.). Bereits zuvor hatte CEO Markus Braun Reportern gegenüber erwähnt, dass das Wachstum ungebrochen sei. Das zuvor genannte Ergebnis zum letzten Quartal bestätigt diese Aussage.

Ein Peer-Group-Vergleich mit dem Shooting-Star „Square“ zeigt beispielsweise auf, dass Square zwar knapp 50% mehr Umsatz generiert, aber Wirecard fast 50% mehr Free Cashflow erwirtschaftet, profitabel ist und nach Verrechnung der Bankverbindlichkeiten mit den Barmitteln schuldenfrei ist.

Im Vergleich mit Paypal weist Wirecard anhand des KGV eine günstigere Bewertung bei einem gleichzeitig größeren Gewinnwachstum auf. Auch in Bezug auf einen Vergleich mit den beiden Platzhirschen im digitalen Payment-Sektor Mastercard und Visa weist Wirecard bei einem fast gleich hohen KGV ein größeres Umsatz- und Gewinnwachstum auf.

Des Weiteren spricht für Wirecard, dass während bei US-amerikanischen Unternehmen das Top-Management häufig Aktienpakete und Optionen verkauft, der Wirecard-CEO Markus Braun bei Kursschwächen Aktien des Unternehmen zukauft. Zuletzt kaufte er im November 2018 bei einem Kurs von EUR 130,87 Aktien des Unternehmens. Insgesamt besitzt er über seine Beteiligungsgesellschaft rund 7% der Wirecard-Anteile und ist damit der größte Anteilseigner. (Übrigens veröffentlichte die Investmentgesellschaft Artisan Partners Ende letzten Jahres eine Beteiligung von 5% an Wirecard.)

Ferner erwähnte Markus Braun auf der Hauptversammlung, dass Geldwäsche bzw. Compliance eines der größten Risiken für das Unternehmen darstellen (hier geht es zu meinem Bericht zur Wirecard-Hauptversammlung). Es würde mich somit sehr wundern und auch ihm selbst schaden, wenn die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen und nicht für ausreichend Prozesssicherheit gesorgt worden wäre.

Darüber hinaus hatte ich auf der Hauptversammlung das Vergnügen, Anleger kennenzulernen, die zum Teil über 20 Jahre dem Unternehmen die Treue hielten und mehrere Short-Attacken durchgestanden haben. Eine ältere Dame ging sogar persönlich zu Herrn Braun und bedankte sich bei ihm. Herr Braun wirkte im persönlichen Gespräch sehr vertrauenswürdig und ehrlich auf mich. Was jetzt noch kommt und ob die Vorwürfe stimmen, weiß ich nicht. Markus Braun ist und war einer der Gründe, warum ich bei Wirecard investiert bin und war.

Des Weiteren hatte ich im Telefonat mit einer Public Relations-Mitarbeiterin das Gefühl, dass sehr genau, penibel und vorausschauend gearbeitet wird. Für mich wäre es unvorstellbar, dass solch kritische Dinge, wie sie der Autor in seiner Kolumne veröffentlicht hat, übergangen worden wären.

Ich bin zwar kein Charttechniker, aber habe im Zuge der allgemeinen Kursrückgänge, insbesondere an der deutschen Börse, auf Kurse zwischen 90-110€ gehofft (siehe folgende Abbildung). Jetzt ist die Chance da gewesen. Ich muss zugeben, dass ich nach dem letzten Quartalsergebnis und den Kursanstiegen schon das Gefühl hatte, dass der Zug schon „abgefahren“ ist. Wenn ich mir die aktuelle Short-Attacke anschaue, scheine ich wohl nicht der Einzige gewesen zu sein, der dieses Gefühl hatte.

Wirecard-Chart, Zeitraum: 29.11.2017-28.11.2018, Quelle: Lynx, eigene Darstellung

Dass sich der Kurs im Vergleich zu anderen deutschen und europäischen Unternehmen relativ gut gehalten hatte ist meines Erachtens auf eine erstklassige Öffentlichkeitsarbeit und ein (nach meinem besten Wissen und Gewissen) hervorragendes Management zurückzuführen. Regelmäßig werden Pressemitteilungen in Bezug auf neue Kooperationen veröffentlicht. Insbesondere bei Anzeichen einer Kursschwäche entfalten diese Pressemitteilungen ihre positive Wirkung. Darüber hinaus führt Markus Braun das Unternehmen. Er geht voran und kauft bei Kursschwächen Aktien des Unternehmens, was wiederum Vertrauen bei den Anlegern schafft und für eine Kursstabilisierung sorgt.

Ferner stimmt mich positiv, dass eine Reihe von Analysten sich hinter Wirecard gestellt haben. Heike Pauls von der Commerzbank etwa sprach von „weiteren Fake News“ eines Journalisten, der den Finanzdienstleister quasi „in Serie“ angreife.

Ähnlich sieht es Robin Brass von der Bank Hauck & Aufhäuser. Er hält es für „äußerst unwahrscheinlich“, dass das Top-Management von Wirecard die in dem Bericht beschriebenen Praktiken bei der Bilanzierung dulden könnte. Auch Brass erinnerte daran, dass das Unternehmen in der Vergangenheit immer wieder Ziel sogenannter Short-Attacken geworden sei.

Wirecard habe laut Brass nach den Shortattacken der vergangenen Jahre die eigenen Bilanzen externen Prüfern zugänglich gemacht, um so für Transparenz zu sorgen. Auch dürften wichtige Partner des Unternehmens wie die Kreditkartenkonzerne Visa und Mastercard regelmäßig gründliche Prüfungen vornehmen. Diese zählten ohnehin zum Standardprozedere bei der Abwicklung globaler Finanzströme, um so beispielsweise Zahlungsausfälle zu verhindern. Anleger sollten sich also besser auf die fundamentale Entwicklung bei Wirecard konzentrieren, riet der Experte. Die Wachstumsaussichten des Unternehmens seien unverändert gut, weshalb der jüngste Kurseinbruch eine Kaufgelegenheit biete.

3. Fazit

„Your fear (and greed) is my opportunity.“

Wie ich in meinen vorherigen Artikeln im Zusammenhang mit einem (potenziellen) Bärenmarkt erwähnt hatte, hatte ich den Großteil meiner Positionen in der Annahme auf sinkende Kurse veräußert, um wieder günstiger einsteigen zu können.

Ich habe die Kurseinbrüche vom Donnerstag und Freitag genutzt, um bei Wirecard wieder einzusteigen. Ich plane am Montag vor der Telefonkonferenz meine Position nochmals aufzustocken. Sollte es dem Vorstand gelingen, die Anschuldigungen zurückzuweisen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, könnte der Kurs meines Erachtens wieder relativ schnell auf die Marke EUR 150-170 zusteuern. Dabei beabsichtige ich einen Teil zu halten und den anderen Teil, falls ich mit meiner These richtig liegen sollte, mit einem kurzfristigen Profit zu veräußern (um meine Lieblingsaktie Apple aufzustocken, welche ich auch zuvor veräußert hatte.)

Spätestens das anhaltende Wachstum in den kommenden Quartalen sollte wieder für einen Kursauftrieb sorgen. Vor allem auch jetzt wo die großen Zentralbanken (Fed, EZB, Bank of Japan, People’s Bank of China) in ihren letzten Veröffentlichungen die Aussicht auf eine weitere monetäre Lockerung erhöht haben, dürfte es auch monetären Rückenwind für (Wachstums-)Aktien geben.

Der Amazon-CEO Jeff Bezos pflegt zu sagen: „Your margin is my opportunity.“ An der Börse gilt dies meines Erachtens auch, nur in einer etwas abgewandelten Form: „Your fear (and greed) is my opportunity.“

In meinem Artikel „Marktanalyse vom 27.10.2018 – Party is over?“ hatte ich, in Anlehnung an Buffett, erwähnt, dass das Investieren der Belagerung einer Burg gleichen könnte. Man kann direkt angreifen, muss dann aber unter Umständen mit hohen Verlusten rechnen. Alternativ kann man die Burg belagern und warten, bis die Vorräte innerhalb der Burg aufgebraucht sind. Entweder werden die in der Burg sich außerhalb der Burg stellen, vor Schwäche umfallen oder sich ergeben müssen. Das Burgtor steht nun offen. Ob es tatsächlich die Chance oder doch eine Falle ist, wird sich sicherlich bald herausstellen.

Neben den fundamentalen Daten ist der wesentliche Grund für mein Investment zum einen mein Vertrauen in die Fähigkeiten und Führungsqualitäten vom CEO Markus Braun. Zum anderen wirkte Herr Braun, wie bereits erwähnt, im persönlichen Gespräch sehr vertrauenswürdig und ehrlich auf mich. Ich hoffe, dass mein Vertrauen nicht beschädigt wird.

Sollten sich die Anschuldigungen des FT-Autors als falsch herausstellen, würde ich mir wünschen, dass auch deutsche und europäische Behörden eingreifen und für mehr Schutz von Anlegern und Unternehmen sorgen. Insbesondere schade finde ich es, dass eine solche (europäische) Wachstumsstory (wenn es schon so wenige gibt) ständig Angriffen von Short-Sellern ausgesetzt ist.

Häufig sind die Reaktionen an der Börse auch heftiger als das eigentliche Ergebnis. Nehmen wir zum Beispiel Elon Musk, der vorsätzlich gelogen hat, dass er das Unternehmen von der Börse nehmen wird, um den Tesla-Aktienkurs in die Höhe zu jagen und Short-Sellern zu schaden. Am Ende ist er mit einer „winzigen“ Strafe von USD 20 Millionen davongekommen. Der Kurs ist im Zuge des Prozesses auf rund USD 250 eingebrochen, hat sich dann aber relativ zügig auf rund USD 380 erholt.

Oder nehmen wir Goldman Sachs im Betrugsskandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB, wo zwar der Kurs gelitten hat, aber Goldman Sachs immer noch existiert und Buffett sogar seine Position aufgestockt hat.

Als drittes Beispiel lässt sich der „Scheinkonten-Skandal“ um Wells Fargo nennen. Die Kursverluste sind geringer ausgefallen als man hätte annehmen können aufgrund eines solchen Skandals.

Wie die aktuelle Angelegenheit um Wirecard ausgehen wird, weiß ich nicht. Aber ich sehe aktuell ein angemessenes Chancen-Risiko-Verhältnis (auch in Anbetracht der Historie). Sollten sich die Anschuldigungen als falsch erweisen, wäre das wohl ein größeres Schnäppchen als an Black Friday, Cyber Monday oder Singles‘ Day.

Am Montag um 13 Uhr möchte sich das Unternehmen per Telefonkonferenz zu den Vorwürfen im Financial Times-Blog äußern. Spätestens dann wissen wir mehr.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg bei deinen Investments und hoffe, dass dir der Artikel einen Mehrwert geboten hat.

Dynamische Grüße,

Güner Soysal, 03.02.2019
Founder & CEO, Investment Analyst (M.A.)

 

Quellen & Links

 

Sämtliche Inhalte nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr für Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit. Die Kolumne dient nur der Information und stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der erwähnten Wertpapiere dar. Der Autor haftet nicht für materielle und/oder immaterielle Schäden, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der Inhalte oder durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Inhalte verursacht wurden.

Offenlegung von Interessenskonflikten: Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung direkt oder mittelbar Positionen in den erwähnten Wertpapieren: Apple, Wirecard. Der Autor beabsichtigt innerhalb von 36 Stunden nach Veröffentlichung direkt oder mittelbar Transaktionen in den erwähnten Wertpapieren zu tätigen.

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