#11: Wirecard – Meine Takeaways von der Hauptversammlung vom 21.06.2018

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Wie ich bereits in meiner Marktanalyse vom 03.06.2018: Italia First – welche Auswirkungen die Politik auf den europäischen Aktienmarkt haben könnte angekündigt hatte, habe ich am 21. Juni 2018 die diesjährige Hauptversammlung von Wirecard besucht.

Es gab zwei Gründe, die mich dazu bewogen haben, die Hauptversammlung zu besuchen. Erstens ist Wirecard ein sehr dynamisch wachsendes Unternehmen und Herr Dr. Markus Braun wird von den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit als ein visionärer, dynamischer und ambitionierter CEO eingestuft, sodass ich mir ein persönliches Bild von dem Ganzen machen und mich inspirieren lassen wollte. Hinzu kommt, dass mich Herr Dr. Brauns Interviews und öffentliche Auftritte, in denen er sehr überzeugend und entschlossen auftrat, davon überzeugt hatten, meinen Wirecard-Aktienbestand aufzustocken.

Zweitens hatte ich eine Reihe von Fragen an den Vorstand, um Wirecard als Investment besser einordnen und einschätzen zu können. Ich hatte fünf Fragen vorbereitet, wovon vier Wirecard betrafen und eine rein aus persönlichem Interesse war.

Ich bin also auch diesmal zum Zug gekommen, wenn auch in etwas kürzerer Form. Ich muss zugeben, dass ich auch diesmal aufgeregt war, aber mittlerweile war ich ja geübt und es war eine angenehme Aufregung. Ich mag das Gefühl aus der Comfort Zone herauszukommen und eine gewisse (An-)Spannung zu verspüren.

Der Countdown zur Hauptversammlung läuft, Quelle: eigene Aufnahme

Der Besuch der Hauptversammlung war gleichzeitig mein erster Trip nach München, sodass er gleich eine doppelte Bedeutung für mich hatte. Das Wetter war prima, die Münchener waren super nett und die Stadt, insbesondere der Spaziergang durch die City, hat mir sehr gut gefallen.

Außerdem hatte ich bei dieser Gelegenheit das Vergnügen, die Redaktionsmitglieder von Euro, Euro am Sonntag und Börse Online kennenzulernen, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Um wieder auf die Hauptversammlung zurückzukommen, kann ich vorab schon einmal sagen, dass die Stimmung sehr gut war. Das ist allerdings auch kein Wunder, wenn man sich die Performance der Wirecard-Aktie anschaut. Wie an der nachstehenden Abbildung ersichtlich ist, hat Wirecard alleine im letzten Jahr eine Performance von knapp 150% abgeliefert und damit die deutschen sowie die US-amerikanischen Indizes meilenweit outperformt. Wer die Aktie in den vergangenen zehn Jahren besaß, kann sich heute sogar über eine Performance von knapp 2.500% freuen.

Performance von Wirecard im Vergleich zu den deutschen Indizes, Zeitraum: 21.06.2017 – 21.06.2018, Quelle: Onvista

 

Im Folgenden möchte ich dir zunächst Ausschnitte aus der Rede vom CEO Dr. Markus Braun präsentieren. In den darauffolgenden Abschnitten möchte ich dir meine Fragen und die entsprechende Rückmeldung des Vorstands sowie weitere Takeways aus der Generaldebatte präsentieren. Dies erfolgt, wie immer, nach bestem Wissen und Gewissen – ausgeschmückt mit meinen Kommentaren.

Ich denke, dass du auf diese Weise – neben der Bewertung der Kennzahlen, die nicht Gegenstand dieses Beitrags sind – aus qualitativer Sicht eine gute Basis zur Bewertung von Wirecard haben wirst.

Ich kann dir versprechen, dass du Dinge lesen wirst, die du sonst nirgendwo zu lesen bekommst. Are you ready? Also dann, legen wir los!

1. Highlights aus der Rede des CEO

Zuerst begann der Aufsichtsratsvorsitzende mit den einleitenden Worten und übergab im Anschluss das Wort an den Vorstandsvorsitzenden Herr Dr. Braun.

CEO Dr. Markus Braun, Quelle: Wirecard

Was die Inspiration und die Dynamik angeht, legte Herr Dr. Braun zu meiner Überraschung direkt los, indem er sich nicht wie die meisten Vorstände mit seinen Notizen hinter dem Pult „versteckte“, sondern sich vor das Publikum stellte und frei vortrug (er würde es hassen, hinter dem Pult zu stehen). Was für mich überraschend wirkte, da ich diesen Vortragsstil eher aus den USA und dem Silicon Valley gewohnt war, war den anderen Aktionärinnen und Aktionären wohl geläufig, zumindest hörte ich das jemanden hinter mir flüstern. Generell hatte ich den Eindruck, dass sich der CEO großer Beliebtheit unter den Wirecard-Aktionären erfreut.

Herr Dr. Braun begann seine Worte damit, etwas aus dem Nähkästchen zu erzählen und über generelle Entwicklungen im Bereich Digital Payments und dem Fintech-Sektor zu berichten. Im Anschluss folgten die Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres, Erläuterungen über das Geschäftsmodell und die Wettbewerbsvorteile sowie der Ausblick von Wirecard.

Wirecard verzeichnete im abgelaufenen Geschäftsjahr erneut ein starkes Wachstum. Das Transaktionsvolumen stieg von EUR 61,7 Mrd. auf EUR 91 Mrd., was einem Anstieg von 47% entspricht. Während der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr von knapp EUR 1 Mrd. um 45% auf rund EUR 1,5 Mrd. stieg, ist der Gewinn je Aktie um 47% auf EUR 2,10 angestiegen (Vorjahr: EUR 1,43). Der Fokus soll auch in Zukunft auf der Skalierung des Geschäfts liegen, das heißt Steigerung des Transaktionsvolumens, des Umsatzes und der Marge. Die folgende Abbildung fasst das Ergebnis des abgelaufenen Geschäftsjahres zusammen.

Ergebniskennzahlen für das Geschäftsjahr 2017; Quelle: Wirecard

 

Der Vorstand sieht den Bereich des digitalen Bezahlens erst in den Kinderschuhen stecken und erwartet in den nächsten 10-15 Jahren ein großes Wachstum. Während mit einem Marktwachstum von 16-17% gerechnet wird, soll Wirecards organisches Umsatzwachstum bei 25% liegen. Dr. Markus Braun bezeichnet Wirecard (wie auch Amazon) metaphorisch als großen Fisch in einem noch sehr kleinen Teich. Insbesondere Echtzeit-Transaktionen sollen einen Wachstumstreiber darstellen. In Europa würden aktuell 40-45% der Transaktionen noch nicht in Echtzeit abgewickelt werden. In Osteuropa sei der Anteil sogar noch größer.

Während der Online- und der Mobile-Payment-Bereich als Hauptwachstumstreiber betrachtet werden, soll der stationäre Bereich zukünftig nicht verschwinden. Vielmehr gehe es um die optimale Verknüpfung dieser Vertriebskanäle, um Konsumenten auf diese Weise ein einmaliges Shopping-Erlebnis zu liefern. Diese Aussage deckt sich auch mit der Tatsache, dass beispielsweise Amazon die Biosupermarktkette Whole Foods Market übernommen hat oder Alibaba in China die Supermarktkette Hema Stores betreibt.

Als Konsumenten können wir uns zukünftig darauf einstellen, mehrere Services rund um das Shopping-Erlebnis zu bekommen, wie zum Beispiel online bestellen und stationär abholen oder stationär bestellen und nach Hause liefern lassen sowie Echtzeit-Rabatte und -Produktvorschläge, während wir uns im Shop aufhalten. Vereinzelt bieten eine Reihe von Shops auch die Lieferung nach Hause an (z. B. WMF). Außerdem soll es zukünftig möglich sein, während des Shoppingvorgangs Echtzeit-Kredite und -Versicherungen abzuschließen (siehe beispielsweise folgendes Video von Wirecard).

Ein weiterer Trend sei die Substitution des Point-of-Sale (kurz: POS, Ladenkasse) in Richtung ePOS, das heißt, dass Verbraucher direkt am Einkaufsregal mithilfe ihres mobilen Geräts (iPad, iPhone etc.) via Fingerprint oder Gesichtserkennung bezahlen und den Laden verlassen können ohne ewig in der Kassenschlange stehen zu müssen. Ein Pilotprojekt in diesem Zusammenhang führt beispielsweise Amazon mit Amazon Go durch. Außerdem arbeitet Alibaba mit seinen Hema Stores an einem analogen Konzept.

Der deutsche Einzelhandel und Wirecard profitieren in diesem Zusammenhang insbesondere von chinesischen Touristen, welche überwiegend mobile Bezahlformen wie zum Beispiel Alipay und WeChat Pay nutzen und im Schnitt EUR 3.000 pro Kopf bei ihren Shopping-Touren in Deutschland ausgeben. Es gibt auch Berichte darüber, dass die zunehmende Akzeptanz von Mobile-Payment-Lösungen durch die Einzelhändler die Umsätze in die Höhe getrieben hätten.

Darüber hinaus sei man mittlerweile als einziger Player im Bereich Digital Payments auf allen Kontinenten vertreten und könne seine Dienstleistungen über eine einzige Plattform auf globaler Ebene anbieten. Dabei werden nicht zur transaktionsbasierte Dienstleistungen, sondern auch Echtzeit-Analysetools angeboten. Noch nicht erschlossene Länder sollen organisch erschlossen werden. Der Vorteil für uns Investoren ist, dass sich aufgrund des organischen Wachstums die Investitionskosten im Vergleich zu Übernahmen gering halten sollten, sodass wiederum der Gewinn überproportional steigen sollte. Schließlich sind Gewinne (neben Liquidität und Phantasie am Aktienmarkt) die Haupttreiber für steigende Aktienkurse (auch wenn es kurzfristig nicht immer danach aussieht). Die folgende Abbildung stellt Wirecards Ökosystem grafisch dar.

Wirecards Financial Commerce Plattform, Quelle: Wirecard

 

In Bezug auf den Ausblick geht der Vorstand von einem sich beschleunigenden organischen Wachstum aus. Das erste Quartal 2018 sei sehr stark gewesen, sodass die Ergebnisprognose für das Geschäftsjahr 2018 angehoben wurde. Das starke Wachstum soll sich auch im zweiten Quartal fortsetzen. Generell sei der Ausblick konservativ gewesen.

Weltweit würden aktuell 80-85% aller Transaktionen noch mit Bargeld abgewickelt werden. Nur 15-20 % aller Transaktionen würden elektronisch abgewickelt werden und nur 8-10 % aller elektronischen Transaktionen seien voll digitalisiert. Der Vorstand nimmt an, dass in den nächsten 10-15 Jahren alle Payment-Prozesse durch volldigitale Prozesse ersetzt werden, sodass hier noch ein enormes Wachstumspotenzial vorliegen würde.

In diesem Rahmen ist Herr Dr. Braun auch nochmals auf die Vision 2020 eingegangen, wonach Wirecard bis 2020 ein Transaktionsvolumen von EUR 210 Mrd. abwickeln und einen Umsatz von EUR 2,8 Mrd. realisieren soll (per Geschäftsjahr 2017 betrug das Transaktionsvolumen knapp EUR 100 Mrd. und der Umsatz rund EUR 1,5 Mrd.). Gleichwohl seien auch diese Kennzahlen konservativ gewählt.

Vision 2020 – Wachstumsfaktoren und Ausblick, Quelle: Wirecard

 

Darüber hinaus hat der Vorstand in diesem Zusammenhang angekündigt, dass bald eine Partnerschaft mit Google abgeschlossen werden soll (die entsprechende Pressemitteilung kam im Laufe dieser Woche).

In einem Austausch nach der Hauptversammlung verriet Herr Dr. Braun, dass Apple Pay voraussichtlich noch in diesem Jahr in Deutschland verfügbar sein könnte und Wirecard – wie bereits in anderen europäischen Ländern – als Abwicklungspartner auftreten würde. Es würden sogar Gespräche darüber geführt werden, dass „boon“ (die Mobile-Payment-App von Wirecard) zukünftig vorinstalliert auf Apple Geräten verfügbar sein soll.

boon. Die Mobile-Payment-Lösung von Wirecard, Quelle: Wirecard

Darüber hinaus sei boon als Mobile-Payment-App das Zukunftsprodukt von Wirecard. In Zukunft sollen unter anderem die Vergabe von Kleinstkrediten, Mobile Insurance, Kontoführung, das Versenden und Empfangen von Geld zwischen boon-Nutzern mithilfe einer voll digitalen Echtzeit-Lösung möglich sein (hier geht es zur boon-Homepage für weitergehende Informationen).

Ferner verriet er, dass sich Wirecard aktuell in Gesprächen für Partnerschaften befindet, um sich Zugang zum chinesischen Binnenmarkt zu verschaffen. Vor dem Hintergrund, dass sich in China sogar Bettler via QR-Codes unter der Nutzung von Alipay und WeChat Pay Almosen bezahlen lassen und rund 1,4 Mrd. Menschen dort leben, kann man sich sicherlich ausmalen, was für ein immenses Potenzial im chinesischen Markt schlummert.

Neben den Informationen zum Geschäftsverlauf und dem Ausblick von Wirecard wurde den Aktionären zur Erweiterung des Aufsichtsrates zwei Kandidatinnen vorgeschlagen. Besonders hellhörig wurde ich, als eine der Aufsichtsratskandidatinnen erwähnte, dass sie bei Qualcomm als Senior Vice President Europe beschäftigt war. Warum das aus meiner Sicht so bedeutend ist, werde ich im weiteren Verlauf darstellen (hier geht es zu den Lebensläufen der Aufsichtsratskandidatinnen).

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2. Highlights aus meiner Rede und Rückmeldungen des Vorstands

Kommen wir nun zu meinen Fragen an den Vorstand während der Generaldebatte und zu den entsprechenden Rückmeldungen des Vorstands. Die Darstellung erfolgt wie immer nach bestem Wissen und Gewissen – ausgeschmückt mit meinen Kommentaren.

Frage 1: Wettbewerbssituation

Am Markt ist eine zunehmende Anzahl von Akteuren und Konkurrenten im Bereich „Digital Payments“ zu beobachten, z. B. Amazon Pay, Apple Pay, Facebook, Alipay, WeChat Pay, AntFinancial, Square, Paypal (kürzlich mit den Übernahmen von u. a. iZettle und Hyperwallet verstärkt), Adyen (vor kurzem an die Börse gegangen, der Kurs hat sich am Emissionstag verdoppelt, starke Partner wie zum Beispiel Uber, Netflix, Spotify, eBay). Welche Differenzierungsmerkmale/ Wettbewerbsvorteile sehen Sie bei Wirecard in diesem Zusammenhang? Und damit in Verbindung stehend: welches Unternehmen ist Ihrer Meinung nach Wirecards erfolgreichster Konkurrent und was zeichnet diesen aus?

Anmerkung: Generell war in Bezug auf Adyen eine gewisse Unsicherheit unter den Aktionären zu verspüren, da zwei weitere Redner den Vorstand zu diesem Wettbewerber ansprachen. Einerseits aufgrund der Konkurrenzsituation. Andererseits, ob unter Umständen eine „Blase“ bezüglich der Bewertung von Zahlungsdienstleistern vorliegt, da sich der Aktienkurs von Adyen am Tag des Börsengangs gleich mal verdoppelt hatte. Hinzu kommt, dass Wirecards Marktkapitalisierung aktuell größer als die von der Commerzbank und fast so groß wie die von der Deutschen Bank ist.

Rückmeldung des Vorstands

„Wir respektieren jeden, wir fürchten niemanden.“
– Dr. Markus Braun, CEO von Wirecard

Bezugnehmend auf Adyen findet es der Vorstand gut, dass an europäischen Börsen weitere Wachstumswerte bzw. Fintechs gelistet werden und somit das Bewusstsein für Wachstumswerte steigt. Ganz besonders gefallen hat mir seine folgende Aussage: „wir respektieren jeden, wir fürchten niemanden.“

Mit Blick auf Adyen hieß es, dass Adyen ein starkes Unternehmen sei, das vieles richtig gemacht habe. Gleichwohl sei Wirecard ein viel stärkeres Unternehmen. Beispielsweise hätte Adyen ein Ebitda von EUR 100 Mio., während Wirecard ein Ebitda von mehr als EUR 400 Mio. habe. Auch im Hinblick auf die Marge sei der Wert bei Wirecard dreimal so hoch. Wirecards Marge soll zukünftig weiter steigen. Hinzu kommt, dass Adyen als Zahlungsdienstleister Acquiring und Processing (Zahlungsabwicklung) anbietet, wohingegen Wirecard zusätzlich auch Issuing (Ausgabe von virtuellen und physischen Kartenprodukten) im Portfolio hat. Adyen hat aktuell 680 Mitarbeiter, Wirecard hingegen rund 5.000. Ferner würde Adyen an 10-15 großen Kunden hängen und ziele darauf ab, sein Kundenportfolio weiter zu diversifizieren. Im Vergleich dazu hätte Wirecard um die 200 Top-Kunden, sodass eine größere Diversifikation vorliegt.

In diesem Zusammenhang war auffällig, dass während der CEO in erster Linie Adyen als Konkurrenten betrachtete, er die anderen erwähnten Marktteilnehmer komplementär zu Wirecard ansah (z. B. Apple, Google, Alipay, Paypal), da eine Reihe von Partnerschaften mit diesen Unternehmen vorliegen würde. Insbesondere im Bereich Acquiring sieht der Vorstand Alipay, WeChat Pay und Apple Pay als perfekte Ergänzung und hoch komplementär mit Wirecard (Wirecard ist u. a. in Europa der Zahlungs- und Abwicklungspartner für diese Anbieter).

Besonders überrascht war ich über die Aussage des CEO, dass Paypal eher komplementär zu betrachten ist. Da ich sicher sein wollte, dass ich ihn richtig verstanden hatte, sprach ich ihn nach der Veranstaltung nochmals darauf an. Er wiederholte seine Aussage und ergänzte, dass Wirecard sogar an Paypal mitverdient, wenn zum Beispiel das Checkout Terminal in einem Online Shop durch Wirecard eingerichtet wurde. Paypal sei in erster Linie in den USA stark und würde aktuell darauf abzielen, analog zu Mastercard, ein Kartennetzwerk aufzubauen. Im Gegensatz dazu agiere Wirecard eher im Hintergrund.

Ferner hätte Paypal beispielsweise die Übernahme von iZettle durchgeführt, um die entsprechende Technologie zu erwerben. Wirecard hingegen würde bereits über die entsprechenden Technologien verfügen und Übernahmen dienten zur Erschließung neuer Märkte. Da man gegenwärtig auf allen Kontinenten aktiv sei, würde Wirecards Fokus in Zukunft auf organischem Wachstum liegen. Gleichwohl sei man opportunistischen Deals gegenüber aufgeschlossen (wie zum Beispiel zuletzt die Übernahme des US-Prepaid-Geschäfts von Visa).

Der Vorstand sieht es als absoluten Erfolgsfaktor an, nicht gleich in die USA, sondern zunächst nach Asien expandiert zu sein. Herr Braun sieht Indien als den mit Abstand spannendsten Markt unter den BRIC-Staaten an (Brasilien, Russland, Indien, China) und betrachtet Indien in vielen Bereichen wie China vor 15 Jahren. Indien sei der stärkste Wachstumsmarkt über die nächsten zehn Jahre unter den BRIC-Staaten.

Da ich auch überzeugt von Indiens Wachstumschancen bin, habe ich bereits frühzeitig in Reliance Industries Limited investiert (so langsam kann ich mich der Analyse wohl nicht entziehen) und bin auf der Suche nach weiteren zukunftsträchtigen Investments in diesem Markt. Es freut mich natürlich sehr zu hören, dass Herr Dr. Braun derselben Auffassung ist und mich in meiner Annahme bestätigt. Die starke Präsenz von Wirecard in Asien war einer der Gründe, warum ich mich primär für Wirecard und nicht für Paypal, Visa oder Mastercard entschieden hatte – wobei ich diesen gegenüber als Investment auch nicht abgeneigt bin.

Frage 2: Umgang mit liquiden Mitteln

Wirecard besitzt aktuell über EUR 2 Mrd. an liquiden Mitteln gegenüber rund EUR 1 Mrd. Finanzverbindlichkeiten. Gleichzeitig werden die Gewinne als Cash realisiert. Wie planen Sie diese liquiden Mittel – unter der Berücksichtigung der vielversprechenden Zukunftsaussichten und, dass laut Geschäftsbericht der Fokus auf organischem Wachstum liegen soll – zu verwenden? Gibt es Pläne hinsichtlich der Schaffung von Shareholder Value in Form eines Aktienrückkaufprogramms?

Anmerkung: Der Aktionärsvertreter vom DSW und ein weiterer Redner äußerten den Wunsch nach einer Dividendensteigerung auf zumindest 40-50% des Gewinns oder einer Sonderausschüttung (das war der einzige „Kritikpunkt“ auf der Hauptversammlung, wenn man ihn denn überhaupt als Kritik bezeichnen kann). Aktuell beträgt die Dividendenrendite 0,14% und die Payout-Ratio liegt bei 10% des Gewinns. Während der Gewinn pro Aktie im Zeitraum von 2010-2017 um das 3,5-fache gestiegen ist, ist die Dividende lediglich um 80% von EUR 0,10 auf EUR 0,18 erhöht worden.

Rückmeldung des Vorstands

„Wachstumsunternehmen sind keine Größenordnung,
sondern eine Philosophie.“

– Dr. Markus Braun, CEO von Wirecard

Ein Aktienrückkaufprogramm, eine Sonderausschüttung oder eine überproportionale Dividendensteigerung seien derzeit nicht vorgesehen. Wirecard sei ein Wachstumswert und der Shareholder Return soll in erster Linie durch die Wertsteigerung des Unternehmens generiert werden. Der Vorstand geht davon aus, dass das Wachstum in den nächsten zehn Jahren das Wachstum der Vergangenheit in den Schatten stellen wird. Langfristig will sich der Vorstand einer Dividendensteigerung nicht verschließen. Auch Aktienrückkäufe seien für die Zukunft eine Option.

Meine persönliche Meinung bezüglich einer Dividendensteigerung ist, dass die Mittel in das Wachstum re-investiert werden sollten, da Wirecard ein Wachstumswert ist. Laut dem Vorstand existiert noch ein extremes Wachstumspotenzial, sodass zunächst einmal dieses ausgeschöpft werden sollte. Darüber hinaus sind regelmäßige Dividendensteigerungen, wie es aktuell bei Wirecard der Fall ist, ein Qualitätssiegel für Aktien und locken weitere Investoren an, welche Wert auf Wachstumswerte mit steigenden Dividenden legen. Zu berücksichtigen ist auch, dass Wirecard im Vergleich zu US-amerikanischen Wachstumsunternehmen (z. B. Netflix, Square) eine Dividende zahlt – wenn auch nur eine geringe – und keine Verwässerung der Anteile durch die Emission neuer Aktien stattfindet. Hinzu kommt, dass ich als Aktionär mehr als 25% meiner Dividendeneinnahmen direkt an den Fiskus entrichten müsste. Im Gegensatz dazu kann ich mir bei Aktienkurssteigerungen selbst aussuchen, wann ich (steueroptimiert) meine Aktien verkaufen möchte (z. B. zur Verrechnung mit dem Verlustverrechnungstopf). Außerdem gibt es genügend Investementalternativen, welche eine überproportionale Dividende ausschütten, falls ich als Investor den Fokus auf Dividendenerträge lege (zwei davon habe ich auf meinem Blog bereits vorgestellt).

Frage 3: Weltwirtschaftslage und Auswirkungen eines potenziellen Handelskonflikts

Welche Auswirkungen hätte eine potenzielle Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums (z. B. infolge eines globalen Handelskonflikts) in den kommenden fünf Jahren auf Wirecards Wachstum? Wie hoch wird Ihrer Meinung nach das Transaktionsvolumen in den nächsten fünf Jahren sein und welchen Marktanteil wird Wirecard haben?

Rückmeldung des Vorstands

„Wir gehen davon aus, dass das Wachstum in den nächsten zehn Jahren
das Wachstum der Vergangenheit in den Schatten stellen wird.“
– Dr. Markus Braun, CEO von Wirecard

In Summe sei das Digitalthema nicht so abhängig von Weltwirtschaftsthemen und extrem robust gegenüber Konjunkturschwankungen  sodass dieses eher als „sicherer Hafen“ betrachtet werden kann. Herr Dr. Braun ergänzte, dass er nicht an einen Handelskrieg glaubt und, dass es sinnvoll wäre, wenn weltweit die Zölle gesenkt werden würden. Der Marktanteil über die nächsten Jahre sei schwer einzuschätzen, da Wirecard, wie bereits erwähnt, ein großer Fisch in einem noch kleinen Teich sei. Gleichwohl könnte in diesem Zusammenhang bald eine Vision 2025 veröffentlicht werden. Der Vorstand erwartet nach 2020 erneut einen enormen Wachstumsschub.

Frage 4: Vorstellung von Wirecards Geschäftsmodell 

Hierbei handelt es sich eher um eine Anregung als um eine Frage. Aus meinem persönlichen Umfeld werde ich häufig mit der folgenden Frage konfrontiert: „was macht  Wirecard eigentlich genau?“ Offensichtlich ist Wirecards Geschäftsmodell für Außenstehende und potenzielle Investoren nicht leicht verständlich. In diesem Zusammenhang haben insbesondere Unternehmen aus der US-Tech-Branche in der Regel ein Erklärvideo auf der Startseite ihrer Website, um ihr Geschäftsmodell zu erläutern (z. B. Hyperwallet, Box). Ein kurzes Erklärvideo auf einer populären Stelle der Wirecard-Hompeage (z. B. auf der Startseite) wäre in diesem Zusammenhang sicherlich von Vorteil.

Frage 5: Persönliche Frage an den CEO Herr Dr. Braun

Wenn Sie heute die Möglichkeit hätten, ein Unternehmen zu gründen, für welchen Bereich – abgesehen von Digital Payments – würden Sie sich entscheiden und warum?

Jetzt bist du sicher ganz neugierig auf die Antwort. Die Antwort auf diese Frage bekam ich erst nach erneutem Nachfragen im Anschluss an den offiziellen Teil der Hauptversammlung. Ich würde sie gerne erst einmal für mich behalten. Soviel kann ich dir aber schon mal verraten: es ist komplementär zu Wirecard. Den Rest überlasse ich deiner Phantasie.

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3. Weitere Takeaways aus der Generaldebatte

Blockchain
Am 14.06.2018 kam die Pressemitteilung, dass Wirecard nun auch Services auf Basis der Blockchain-Technologie anbietet. Einer der Redner fragte, wie der Einsatz der Blockchain-Technologie zu verstehen ist. Der Vorstand antwortete, dass damit nicht die Bereiche Echtzeit und Business-to-Consumer angesprochen werden. Gleichzeitig stehe man dem Einsatz von Kryptowährungen aktuell skeptisch entgegen. Vielmehr soll die Technologie, auf welcher die Blockchain basiert, Anwendung finden. Insbesondere im Rohstoffbereich zwischen Produzenten und Verarbeitern (z. B. Stahl, Kakao) gäbe es hoch ineffiziente, analoge und dezentrale Prozesse, wo mithilfe des Einsatzes von digitalen Prozessen (z. B. Digital Payments und Smart Contracts) ein Mehrwert geschaffen werden kann. In Summe würde man sich den Bereich Blockchain sehr genau anschauen, aber es gäbe aktuell sehr wenige Mehrwerte und Geschäftsmodelle in diesem Bereich.

Ich persönlich habe mitbekommen, dass die Blockchain-Technologie unter anderem für die Verfolgung von Lieferketten eingesetzt werden kann (z. B. bei Diamanten oder in der Landwirtschaft).

NFC-Chips
An dieser Stelle möchte ich nochmals auf die Ernennung einer ehemaligen Führungskraft von Qualcomm in den Aufsichtsrat zurückkommen. Auf die Frage eines Redners bezüglich der Kosten von NFC-Chips antwortete der Vorstand, dass diese bisher fünf Cent pro Chip betrugen. Die neuere Generation der NFC-Chips, die unter anderem Echtzeit-Datenübertragungen und Verarbeitung von Daten im Kundenbeziehungsmanagement erlauben, sollen 35-40 Cent pro Stück kosten. Das würde eine Versiebenfachung der Chippreise im NFC-Bereich bedeuten. Interessant ist diese Information dahingehend, dass der Chiphersteller NXP einer der Marktführer im Bereich der NFC-Chips ist. Wer ist gerade dabei, NXP zu übernehmen? Richtig, Qualcomm!

Du kannst dir sicher vorstellen, dass in diesem Moment meine Herzfrequenz immer schneller wurde. Es ist immer schön zu erfahren, wenn seine Investments gut für die Zukunft positioniert sind und voneinander profitieren können.

Kreditvergabe und Zinseinnahmen
Darüber hinaus wurden wohl insgesamt über EUR 240 Mio. an Krediten herausgegeben, wodurch Zinseinnahmen in Höhe von EUR 16 Mio. realisiert wurden. Der Vorstand plant diesen Bereich als Ergänzung zum Kerngeschäft auszubauen. Das Wachstumspotenzial soll dabei in erster Linie mithilfe von Partnerschaften mit Banken erfolgen. Die Zinseinnahmen sollen zwischen Wirecard und den Banken aufgeteilt werden.

Auffällig an dieser Stelle ist, dass Wirecard und Fintechs im Allgemeinen immer mehr in den Geschäftsbereich von konventionellen Banken vorstoßen und ihnen Marktanteile abnehmen.

Risiken des Geschäftsmodells
Einer der Redner wollte wissen, welche Risiken Wirecard hat. Der Vorstand verwies zunächst einmal auf den Geschäftsbericht, wo die Gesamtheit der Risiken aufgeführt ist. Gleichzeitig sei großes Wachstum nicht ohne Risiken möglich, wie zum Beispiel der Einsatz von Technologie. Als weitere Risiken wurden Compliance-Herausforderungen genannt. Darunter fallen zum Beispiel Betrugsprävention und Geldwäsche.

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5. Fazit

Ich denke, dass du nun – neben der Bewertung der Kennzahlen, die nicht Gegenstand dieses Beitrags waren – aus qualitativer Sicht eine gute Basis zur Bewertung von Wirecard hast.

Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Stimmung auf der Hauptversammlung sehr gut war und der CEO Dr. Braun sich großer Beliebtheit unter den Aktionären erfreut (wen wundert es bei der Aktien-Performance). Es ist beeindruckend zu sehen, wenn sich die Aktionäre beim CEO persönlich bedanken. Außerdem konnte ich wieder einmal live miterleben, welche – im positiven Sinne – Verantwortung auf den Schultern eines CEO liegt und wieviele Menschen durch eine erfolgreiche Unternehmensführung glücklich gemacht werden können. Gleichzeitig hat Wirecard nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch ein sehr sympathisches Management-Team.

Meine drei Key-Takeaways von der Hauptversammlung sind:

  • Die potenzielle Ausdehnung der Kooperation mit Apple-Pay auf dem deutschen Markt und die Vorinstallation von Wirecards Mobile-Payment-Lösung „boon“ auf Apple-Geräten
  • Der potenzielle Eintritt in den chinesischen Binnenmarkt durch Partnerschaften
  • Die potenzielle Veröffentlichung der Vision 2025 mit aktualisieren Prognosen über die zukünftige Geschäftsentwicklung

Insbesondere die ersten beiden Punkte hinsichtlich der Ausdehnung der Kooperation mit Apple und der Eintritt in den chinesischen Binnenmarkt würden meines Erachtens den Durchbruch für Wirecard bedeuten. Ferner sollte die Veröffentlichung der Vision 2025 dem Aktienkurs einen starken Schub verpassen, da der Vorstand bereits ankündigte, nach 2020 nochmals ein starkes Wachstum zu erwarten.

Aus persönlicher Sicht sehne ich mir schon lange den Tag herbei, an dem ich mit meinem iPhone und meiner (potenziellen) Apple Watch bezahlen kann, ohne Bargeld und Karten mitschleppen zu müssen, sodass ich mich ganz besonders auf die Einführung von Apple Pay in Deutschland freue.

Alles in allem war der Besuch der Wirecard-Hauptversammlung für mich ein voller Erfolg und er hat mir sehr viel Spaß gemacht. Sei es der Austausch mit Herrn Dr. Markus Braun im Anschluss an die Hauptversammlung (ich muss zugeben, ich hätte mich am liebsten noch stundenlang mit ihm unterhalten, da ich sehr viel über Wirecards Geschäftsmodell gelernt und viele generelle Informationen bezüglich dem Bereich Digital Payments bekommen habe) oder die spannenden Unterhaltungen mit den Aktionärinnen und Aktionären. Vielen Dank nochmals auch an dieser Stelle an Herrn Dr. Braun für seine Geduld und die Beantwortung meiner Fragen im Anschluss an die Hauptversammlung.

Diesmal habe ich es sogar geschafft, beim Abräumen des Buffets gerade noch ein paar Snacks zu ergattern. An den Werbegeschenken bin ich aber wieder einmal gescheitert, weil ich sehr vertieft in spannende Gespräche verwickelt war. Erfahrung macht wohl auch hierbei den Meister.

Für dieses Jahr war es erst einmal für mich, was den Besuch von Hauptversammlungen angeht. Zum Einen ist die Hauptversammlungssaison weitestgehend zu Ende. Zum Anderen besitze ich nur eine geringe Anzahl von deutschen Aktien. Vielmehr spiele ich mit dem Gedanken, nächstes Jahr auf der internationalen Bühne Hauptversammlungen zu besuchen. Welche das sein könnten?

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Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Investments!

Dynamische Grüße,

Güner Soysal, 30.06.2018
Founder & CEO, Investment Analyst (M.A.)

Quellen & Links

Sämtliche Inhalte nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr für Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit. Die Kolumne dient nur der Information und stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der erwähnten Wertpapiere dar. Der Autor haftet nicht für materielle und/oder immaterielle Schäden, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der Inhalte oder durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Inhalte verursacht wurden.

Offenlegung von Interessenskonflikten: Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung direkt oder mittelbar Positionen in den erwähnten Wertpapieren: Wirecard, Apple, Facebook, Alibaba, Qualcomm. Der Autor beabsichtigt nicht innerhalb von 36 Stunden nach Veröffentlichung direkt oder mittelbar Transaktionen in den erwähnten Wertpapieren zu tätigen.

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