#16: Amazon – drei Gründe warum sich der Aktienkurs halbieren könnte

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Das wird voraussichtlich der dritte und letzte Teil der Korrektur- oder Bärenmarkt-Serie. Vielleicht denkst du, dass ich verrückt bin oder zu viel Kostolany gelesen habe. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich zu einer Minderheit gehöre, die aktuell so denken würde. Schließlich kann der Aktienkurs nach allgemeiner Meinung nur ununterbrochen steigen und meine Aussage grenzt bei einigen sicher schon an Blasphemie.

Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Punkte, die mich beunruhigen und die ich mit dir teilen möchte. Dabei beziehe ich mich nicht auf die fundamentale Situation des Unternehmens, sondern rein auf die Kursentwicklung und die aktuellen Marktbedingungen. Ich würde dir empfehlen, die Argumente zunächst durchzulesen und dir erst dann eine Meinung zu bilden. Ich verspreche dir, dass es interessante Beobachtungen sind, die du dir nicht entgehen lassen solltest.

1. Übergreifende Marktbedingungen 

„Ein Unternehmen kann noch so gute Gewinne erzielen und Dividenden zahlen, es kann noch so gute Zukunftsaussichten haben, steigen wird es an der Börse erst, wenn die Nachfrage größer als das Angebot ist. Das ist das einzige Postulat der Börsenlogik “
– André Kostolany

Wie ich bereits in meinen beiden vorherigen Marktanalysen geschildert habe, erleben wir offensichtlich aktuell eine generelle Korrektur an der Börse oder schlittern sogar in einen Bärenmarkt. Zwei ausführliche Artikel mit den Begründungen, die bei mir in diesem Zusammenhang für Verunsicherung sorgen, habe ich auf meinem Blog bereits verfasst, welche du gerne nachlesen kannst (hier und hier).

Ich hatte in meiner letzten Marktanalyse bereits erläutert, dass mir insbesondere die Kursanstiege am Donnerstag – am Tag der Veröffentlichung der Quartalszahlen von Amazon und Alphabet – verdächtig vorkamen. Amazon ist nach den Verlusten an den Vortagen im Tagesverlauf um 7% gestiegen. Meine Befürchtung war, dass Amazon selbst bei einer kleinsten Verfehlung der Zahlen massakriert werden könnte.

Schließlich wurden die Zahlen veröffentlicht und die Aktie fiel am nächsten Tag um mehr als 7%. Damit waren die Kursgewinne des Tages mehr als verloren. Unabhängig von den Ergebnissen war es interessant zu sehen, dass die Analysten zwar ihre Kursziele gesenkt hatten, aber Amazon (und auch Alphabet) weiterhin zum Kauf empfohlen haben.

Besonders aufmerksam las ich die Äußerungen von der Seeking Alpha Editorin Brandy Betz, die folgendes  schrieb: „Last quarter, Amazon missed sales estimates and included downside guidance but didn’t suffer for it due to its sheer market size and growth potential“ (hier).

Während der Markt also im letzten Quartal der Umsatzverfehlung keine Bedeutung zugemessen hatte und sogar positiv reagierte, wurde die Aktie diesmal für eine minimale Umsatzverfehlung abgestraft, und dies trotz einer Verzehnfachung (!) des Gewinns. Der Vollständigkeit halber ist zu ergänzen, dass sich das Wachstum in einigen Segmenten verlangsamt hat und die Guidance für das vierte Quartal (trotz dem bevorstehenden Weihnachtsgeschäft) niedriger ausfiel als von Analysen erwartet (bei Interesse einfach im Quartalsbericht von Amazon nachschlagen).

2. Euphorie der Anleger

 Es werden rosige Analysen geschrieben und über die Medien und durch Mundpropaganda verbreitet. Geschickt werden Nachrichten gestreut. Dann wird der Kurs in die Höhe manipuliert, denn nichts ist einfacher, als dem Publikum Aktien zu verkaufen, die bereits gestiegen sind. Die Käufe treiben den Kurs weiter und weiter nach oben. Haben alle Zittrigen das Papier gekauft, wird irgendwann auffallen, daß die rosigen Analysen doch nichts als heiße Luft waren, und der Zusammenbruch ist unausweichlich.“
– André Kostolany

Mir ist aufgefallen, dass nahezu alle (e. g. Value Investoren, Growth Investoren, Retail Investoren) die Aktie kaufen oder weiterempfehlen. Ich gebe zu, dass ich der Versuchung auch nicht widerstehen konnte und die Aktie gekauft hatte. In der Zwischenzeit habe ich sie aber wieder verkauft.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Aktionäre viel zu sehr auf den Kursticker achten als auf das Spielfeld und bei kleinsten Kursrückgängen euphorisch nachkaufen, in dem Glauben, sie hätten ein Schnäppchen gemacht (auch bekannt als „buy the dip“), da ja die Aktie nach allgemeiner Meinung weiter steigen müsste und keiner möchte weitere Kursanstiege verpassen (auch bekannt als „FOMO = fear of missing out“). Dies kann in einem generellen Bullenmarkt funktionieren, aber bei einem potenziellen Bärenmarkt oder bei einer Korrektur zu größeren (Buch-)Verlusten und teuren Einkaufskursen führen.

Um das anhand eines Beispiels zu verdeutlichen:  wenn die Aktie um 50% sinkt, d. h. beispielsweise von EUR 100 auf EUR 50, dann müsste sie um 100% steigen, damit sie wieder am Ausgangspunkt ist. Sicherlich gibt es hierfür genug Beispiele von Aktien, die dies geschafft und nicht geschafft haben.

Ferner habe ich Konversationen von Anlegern gelesen, wonach sie Witze darüber reißen, dass die Aktie sowieso nur eine Richtung kennt, sie an einem Tag schon das Restaurantessen gewonnen haben (am Tag der Veröffentlichung der Quartalszahlen), es gerne noch die Cocktails danach sein können (wie bereits erwähnt ist der Kurs nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen um über sieben Prozent gesunken und hatte damit mehr als die Tagesgewinne verloren) oder in einem halben Jahr sowieso bei USD 2.000 stehen wird. Gleichzeitig sehe ich auch auf Seeking Alpha fast ausschließlich positive Analysen und Analystenkommentare (u. a., dass die Aktie bis USD 3.000 fundamental unterbewertet sei; aktuell steht der Aktienkurs bei rund USD 1.600, was also einer Kursverdopplung entsprechen würde).

3. Phase der Übertreibung und Blasenbildung

„Eine Haussebewegung bleibt anfangs im klassischen Rahmen, dann greift sie auf die fragwürdigen Werte über. Durch eine langsame Infektion führt sie zu einer unvernünftigen Übersteigerung mittelmäßiger Aktien. Schließlich erfasst diese Aufwärtsbewegung eine große Zahl von Unwerten, ja, von Antiwerten.“
– André Kostolany 

Nach Kostolany besteht jede Hausse und jede Baisse an der Börse (sei es bei Aktien, Anleihen, Rohstoffen oder Edelmetallen) aus jeweils drei Phasen:

  • die Phase der Korrektur
  • die Phase der Anpassung oder Begleitung
  • die Phase der Übertreibung

Das Ei des Kostolany; Quelle: André Kostolany – Die Kunst über Geld nachzudenken

 

  • A1 = Phase der Korrektur (kleiner Umsatz, Zahl der Aktienbesitzer gering)
  • A2 = Phase der Begleitung (Umsatz und Zahl der Aktienbesitzer steigend)
  • A3 = Phase der Übertreibung (Umsatz wird euphorisch, Zahl der Aktienbesitzer ist hoch, bei X am höchsten)
  • B1 = Phase der Korrektur (kleiner Umsatz; Zahl der Aktienbesitzer geht langsam zurück)
  • B2 = Phase der Begleitung (Umsatz ist steigend, Zahl der Aktienbesitzer nimmt weiter ab)
  • B3 = Phase der Übertreibung (ganz großer Umsatz; Zahl der Aktienbesitzer ist niedrig, bei Y am niedrigsten)
  • Bei A1 und B3 sollte man kaufen und bei A3 und B1 verkaufen

Schauen wir uns im folgenden die Kursentwicklung der Amazon-Aktie an (siehe folgende Abbildung). Ich bin kein Charttechniker, aber bei der Betrachtung des Charts lassen sich in meinen Augen die unterschiedlichen Phasen nach Kostolany ziemlich einfach identifizieren (wie eingangs gesagt, auf die fundamentale Bewertung will ich an dieser Stelle nicht eingehen, wobei Amazon laut Morningstar aktuell ein  KGV von aktuell 92 und ein forward KGV von 59 hat. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass sowohl Ken Fisher als auch André Kostolany hervorheben, dass die Bewertungen in einem generellen Bullenmarkt übertriebene Ausmaße erreichen können, solange der Markt diesen keinen Wert zumisst und die Psychologie des Marktes positiv ist.

Amazon Aktienkursentwicklung im Zeitverlauf per 26. Oktober 2018; Quelle: Ycharts, eigene Kommentare

Lass uns nun die Kursentwicklung vom Bitcoin betrachten. Ich denke, dass man auch hier ganz einfach die unterschiedlichen Phasen nach Kostolany identifizieren kann. Hinzu kommt, dass sich meines Erachtens die Kursverläufe ziemlich ähneln, wenn man sich die Phasen B1 und B2 wegdenkt (siehe folgende Abbildung):

Bitcoin/USD Kursentwicklung im Zeitverlauf per 26. Oktober 2018; Quelle: Ycharts, eigene Kommentare

Insofern scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Amazon in die Phasen B1 (Phase der Korrektur), B2 (Phase der Begleitung) und gegebenenfalls B3 (Phase der Übertreibung) übergeht.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Amazon seit seinem diesjährigen Allzeithoch rund 20% verloren hat und sich somit aktuell bereits im Korrekturmodus befindet. Amazon ist von seinem Allzeithoch USD 2050,50 auf aktuell USD 1.642,81 gefallen (Stand: 26.10.2018; siehe folgende Abbildung):

Amazon Aktienkurs, prozentualer Abstand zum Allzeithoch per 26.Oktober 2018; Quelle: Ycharts

 

Ein weiterer bedeutender Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass letztes Jahr die Anleger auf die Jahresendrally gewartet hatten, aber diese nicht kam. Überraschenderweise war das genau die Zeit, als die Bitcoin-Blase entstanden ist. An der unten stehenden Grafik ist zu erkennen, dass nach dem Ausverkauf von Bitcoins im Dezember 2017 die Aktienmarktrally im Januar 2018 begonnen hat. Das Kapital wurde offensichtlich aus den Bitcoins abgezogen und in Aktien investiert. Zufall? Ich denke nicht. Ferner hat Amazon im unten dargestellten Zeitraum eine Performance von rund 80% in der Spitze erreicht und sich damit fast verdoppelt, während die Kryptowährungen herbe Kursverluste einstecken mussten.

Bitcoin-Kurs vs. S&P 500-Kursentwicklung per 26. Oktober 2018; Quelle: Ycharts, eigene Kommentare

Wie ich bereits in meinem letzten Artikel „Marktanalyse vom 27.10.2018 – Party is over?“ beschrieben hatte, war der Markt von Februar 2018 bis Mai 2018 im Korrekturmodus. Erst nachdem bekannt wurde, dass Buffett seinen Anteil an Apple aufgestockt hat und Apple ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von USD 100 Milliarden verkündet hatte, begann am Markt eine Kursrally.

In diesem Zusammenhang verfasste ich einen Artikel auf meinem Blog mit dem Titel: „Marktanalyse vom 05.05.2018: Wie Apple und Buffett die „Animal Spirits“ der Anleger freisetzen„. In diesem Artikel schrieb ich folgendes: „Damit scheint es, als hätte Buffett eine Kursrally angestoßen und zum einen die Apple-Aktie auf ein neues All-time-high von USD 184,23 katapultiert. Zum anderen sieht es so aus, als seien die Kauflust und die „Animal Spirits“ der Anleger wieder freigesetzt.“

Die Amazon-Aktie hat in den letzten drei Jahren eine Performance von knapp 170% hingelegt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie vorübergehend auf das Niveau von Januar 2018 oder sogar tiefer (Phase der „Übertreibung“ nach Kostolany) zurückfallen könnte. Somit hätte sie sich von ihrem Allzeithoch in Höhe von USD 2.000 halbiert (siehe folgende Abbildung):

Amazon Kursperformance in den letzten drei Jahren, Stand: 26.10.2018; Quelle: Ycharts

Fazit 

Als ich als junger Mann Auto fahren lernte, sagte mir mein Fahrlehrer: »Sie werden nie wirklich Auto fahren lernen!« – »Warum?«, fragte ich entsetzt. »Weil Sie immer auf die Motorhaube schauen. Heben Sie den Kopf und schauen Sie 300 Meter in die Ferne.« Danach war ich ein anderer Mensch am Steuer. An der Börse muß man es genauso machen.
– André Kostolany

Dieser Artikel lässt sich nicht nur auf Amazon, sondern auch auf Werte wie zum Beispiel Netflix übertragen. Wer sich die Kursentwicklung anschaut, wird erstaunliche Parallelen entdecken. Insofern könnte es bei solchen Werten kurz- bis mittelfristig im gegenwärtigen Marktumfeld zu größeren Rückschlägen kommen. Gleichwohl habe ich dargestellt, dass die Kursentwicklung von Amazon fast schon an den Bitcoin-Hype erinnert. Kostolany schreibt hierzu, dass der Krach umso größer ist, umso größer die Euphorie zuvor war.

Ich sehe Anleger, die 10-15% ihres Vermögens in Amazon investieren oder auf schnelle Gewinne aus sind, weil die Aktie nur eine Richtung kennen würde. Falls du zu diesen Anlegern gehörst, gibt dir dieser Artikel vielleicht etwas zu denken und du diversifizierst deine Werte breiter – es sei denn, du bist dir der „Risiken“ bewusst. Denn nichts wäre schlimmer als aufgrund eines unerwarteten Ereignisses (was bei börsennotierten Unternehmen immer vorkommen kann) einen Großteil der (Buch-)Gewinne oder deiner Anlage verpuffen zu sehen. Langfristanleger können bei solch starken Kursentwicklungen zwecks Diversifikation immer mal wieder über eine Umschichtung in andere Werte nachdenken. Denn Aktienkurse neigen nach oben und nach unten zu Übertreibungen.

Im gegenwärtigen Marktumfeld ist es sicherlich von Vorteil, nicht jeden Kursabschlag direkt als Schnäppchen zu sehen, sondern mit Ruhe und Strategie vorzugehen. Hinzu kommt, dass die FED zunehmend hawkish wird und sich scheinbar auch eine leichte Abkühlung des Wirtschaftswachstum in den USA (trotz eines weiterhin starken Wachstums) in Verbindung mit sinkenden Preisen für Vermögenswerte abzeichnet (z. B. Immobilienpreise). Außerdem ist zu beachten, dass die Gewinne der US-Unternehmen zwar weiterhin verhältnismäßig stark steigen, aber dies größtenteils auch der Steuerreform unter Präsident Trump zu verdanken ist.

Kostolany vergleicht die Wirtschaft und die Börse mit dem Herrchen und dem Hund. Manchmal läuft der Hund (Börse) zu weit davon und muss wieder zum Herrchen (Wirtschaft) zurückkommen. Sollte die Aktie tatsächlich einen größeren Abschlag hinnehmen müssen, könnte ich mir eventuell auch einen Wiedereinstieg vorstellen.

Es scheint eine gute Lösung zu sein, im gegenwärtigen Marktumfeld ein diversifiziertes Portfolio aus unterschiedlichen Assetklassen zu besitzen. Ich habe mir bereits einige Gedanken gemacht und ein paar Positionen aufgebaut.

Wie ist deine Meinung? Welche Werte oder Assetklassen könnten deiner Meinung von einem generellen Rückschlag an den Aktienmärkten profitieren? Ich bin gespannt auf deine Ideen und Anregungen im Kommentarfeld.

Ich hoffe, dass dir der Artikel einen Mehrwert geboten hat. Viel Erfolg weiterhin!

PS: ich werde jetzt erst einmal abtauchen, nicht täglich die Kursticker checken und mir eine Strategie für meine weitere Vorgehensweise kreieren. Also nicht wundern, falls du die nächsten Tage und Wochen nichts von mir hören solltest!

Dynamische Grüße,


Güner Soysal, 29.10.2018
Founder & CEO, Investment Analyst (M.A.)

Sämtliche Inhalte nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr für Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit. Die Kolumne dient nur der Information und stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der erwähnten Wertpapiere dar. Der Autor haftet nicht für materielle und/oder immaterielle Schäden, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der Inhalte oder durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Inhalte verursacht wurden.

Offenlegung von Interessenskonflikten: Der Autor hält zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine direkten oder unmittelbaren Positionen in den erwähnten Wertpapieren: Amazon, Netflix. Der Autor beabsichtigt nicht innerhalb von 36 Stunden nach Veröffentlichung direkt oder mittelbar (short oder long) Transaktionen in den erwähnten Wertpapieren zu tätigen. 

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